Sailseer

Böen, Gewitter und Fallböen: was die Vorhersage nicht zeigt

Stand 07.10.2026 · Lesezeit 4 min

Törn planen

Kurz gesagt: Wettermodelle zeigen den mittleren Wind über eine große Fläche, nicht die einzelne Böe, die Gewitterzelle oder die Fallböe hinter einer Insel. Darauf weisen Böenwerte, Ensemble, Gewitterpotenzial, Blitzortung, Radar und amtliche Warnungen hin, die Entscheidung triffst du mit dem amtlichen Seewetterbericht.

Die meisten Schreckmomente auf dem Wasser kommen nicht vom Mittelwind in der Vorhersage, sondern von dem, was dazwischen passiert: eine Böe unter einer Schauerwolke, ein Gewitter, das schneller da ist als gedacht, eine Fallböe hinter einer Insel. Ein Wettermodell kann solche Dinge nur andeuten. Hier steht, wie du die Hinweise liest.

Mittelwind und Böe

Der Wind in der Vorhersage ist ein Mittelwert, über einige Minuten, in 10 m Höhe und über die ganze Gitterzelle des Modells. Die Böe ist der kurze Spitzenwert darüber. Bei gleichmäßiger Luft über offener See liegen die Böen nicht weit über dem Mittel, unter Schauern, an Steilküsten und im Lee von Land können sie weit darüber liegen. Für das Reffen zählt die Böe, nicht das Mittel.

Wie wahrscheinlich sind starke Böen?

Ein Modell gibt eine Zahl, ein Ensemble eine Verteilung. Sailseer nimmt die 51 Läufe des ECMWF-Ensembles und die 20 von ICON-D2 und zeigt, welcher Anteil davon Böen über 20, 25 oder 30 kn rechnet. 30 % für Böen über 25 kn heißt: knapp jeder dritte Lauf. Für die Bewertung rechnet Sailseer mit dem oberen Ende der Modellböen und bei uneinigen Modellen mit dem höchsten Wert aus Modellen und Ensemble.

Gewitter: Potenzial ist nicht Ereignis

Ob Gewitter möglich sind, sagt das Modell über die Labilität der Luft, gemessen als CAPE, die Energie, die für Aufwind bereitsteht. Wo und wann genau eine Zelle entsteht, kann es kaum sagen: Ein Gewitter ist oft kleiner als ein paar Gitterzellen und lebt nicht selten nur eine Stunde. Eine Gewitterlage im Modell heißt deshalb, dass es irgendwo im Revier krachen kann. Sailseer wertet CAPE ab 800 J/kg zusammen mit mindestens 40 % Regenwahrscheinlichkeit als Grund gegen die Fahrt. Wo ein Gewitter tatsächlich ist, sagen erst Messungen: Blitzortung und Radar.

Fallböen

Eine Gewitterzelle schickt kalte Luft nach unten, die an der Wasseroberfläche in alle Richtungen ausströmt. Daraus wird in Minuten Sturm, auch aus einer Richtung, aus der vorher kaum Wind kam. Der Untergang der Bayesian vor Sizilien im August 2024 hat das gezeigt; der Zwischenbericht der britischen Unfalluntersuchung MAIB nennt Wind über 70 kn. Für einen einzelnen Ort sagt kein Modell so etwas voraus.

Fallböen gibt es auch ohne Gewitter. Hinter hohen Inseln und an Steilküsten stürzt Luft im Lee hinab. Beim Meltemi trifft es oft die Südseite der Kykladen, bei der Bora die Kanäle unter dem Velebit. Gerade dort, wo das Modell im Windschatten wenig Wind zeigt, kann es plötzlich stärker einfallen als draußen auf See.

Lokalwinde

Im Mittelmeer prägen Lokalwinde den Segelalltag: die Bora in der Adria mit Böen weit über dem Mittelwind, der Mistral im Golfe du Lion, der Meltemi in der Ägäis von Mai bis September. Sailseer erkennt solche Lagen aus dem Konsens und nennt sie mit Namen in der Bewertung. Mehr im Ratgeber Lokalwinde im Mittelmeer.

Was Sailseer zeigt

Wo die Messung endet

Wo für einen Ort keine Quelle misst, sagt die Seite das ausdrücklich, statt ein Grün zu zeigen, das nichts weiß. Ebenso sagt sie in Ländern ohne abrufbare Warnungen, etwa der Türkei, dass keine Warnung dort nicht Entwarnung heißt.

Was du an Bord tun kannst

Sailseer ersetzt keinen Seewetterbericht und keine amtliche Warnung und ist nicht zur Navigation gedacht. Es bündelt die Hinweise, entscheiden musst du mit den amtlichen Meldungen und dem Blick nach oben. Die Grundlagen der Modelle erklärt der Ratgeber Wettermodelle.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Mittelwind und Böe?

Der Mittelwind ist der Durchschnitt über einige Minuten, die Böe der kurze Spitzenwert darüber. Für Segelfläche und Reff zählt die Böe; unter Schauern und im Lee von Land liegt sie oft weit über dem Mittel.

Was bedeutet CAPE in der Wettervorhersage?

CAPE ist die Energie, die aufsteigender Luft zur Verfügung steht, ein Maß für das Gewitterpotenzial. Hohe Werte heißen, dass Gewitter möglich sind, nicht, dass an deinem Ort eines kommt; Sailseer wertet CAPE ab 800 J/kg mit Regenwahrscheinlichkeit ab 40 % als Gewitterlage.

Kann eine App Fallböen vorhersagen?

Nicht für einen bestimmten Ort und Zeitpunkt. Sie kann auf Lagen hinweisen, in denen Fallböen typisch sind: Gewitterlagen, Bora, Meltemi oder starker Wind über hohen Inseln. Dann gilt: Segelfläche klein halten und das Lee hoher Küsten meiden oder vorsichtig befahren.

Was tun, wenn auf See ein Gewitter naht?

Früh reffen oder die Segel bergen, Rettungswesten anlegen, Schutz im Hafen oder vor Anker suchen, wenn er rechtzeitig erreichbar ist, und Abstand zum Mast und zu Metallteilen halten. Die Wetterdienste geben über UKW und Navtex Warnungen heraus.

Warum zeigt Sailseer bei mir keine Blitze an?

Entweder blitzt es im Umkreis gerade nicht, oder für den Ort gibt es keine Blitzortung. Im zweiten Fall sagt die Seite das ausdrücklich, statt Entwarnung zu geben.

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