Welches Wettermodell ist das beste zum Segeln?
Stand 07.10.2026 · Lesezeit 4 min
Kurz gesagt: Kein Modell liegt immer richtig. Welches am besten trifft, hängt von Revier, Wetterlage und Vorlauf ab; wer mehrere Modelle vergleicht und auf ihre Einigkeit achtet, plant sicherer als mit einem Lieblingsmodell.
Die kurze Antwort: Es gibt kein Modell, das immer gewinnt. Welches am besten liegt, hängt vom Revier, von der Wetterlage und davon ab, wie weit du in die Zukunft schaust. Wer die Stärken und Grenzen der Modelle kennt, liest jede Vorhersage besser.
Globale Modelle: ECMWF, GFS, ICON und AIFS
Globale Modelle rechnen die ganze Erde und reichen viele Tage weit.
- ECMWF IFS vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage gilt als Maßstab für die Vorhersage über mehrere Tage. Die offenen Daten, die auch Sailseer nutzt, haben ein Gitter von 0,25 Grad, rund 25 km.
- GFS der US-Wetterbehörde NOAA ist frei verfügbar, rechnet viermal am Tag und reicht 16 Tage weit. Viele Apps zeigen es als Vorgabe.
- ICON des Deutschen Wetterdienstes rechnet global und als ICON-EU feiner über Europa, mit rund 7 km und fünf Tage weit.
- AIFS ist das KI-Modell des ECMWF. Es ist mit Wetterdaten vieler Jahrzehnte trainiert und rechnet viel schneller als ein physikalisches Modell. Böen gibt es nicht aus, deshalb zählt es bei Sailseer nur bei Wind und Richtung mit.
Regionalmodelle: fein, aber kurz
Regionalmodelle haben ein feineres Gitter und bilden Küsten, Inseln und Düsen besser ab. Dafür rechnen sie nur ein begrenztes Gebiet und nur zwei bis vier Tage weit.
- ICON-D2 des DWD deckt Deutschland und die Nachbarländer mit rund 2 km ab, etwa zwei Tage weit.
- Harmonie des dänischen Wetterdienstes DMI rechnet von Irland über Nord- und Ostsee bis in den Golfe du Lion, das Tyrrhenische Meer und die Adria, MEPS von MET Norway in Skandinavien, AROME von Météo-France an der spanischen Mittelmeerküste und auf den Balearen, ICON-2I aus Italien um Sizilien und im Ionischen Meer.
- AROME Antilles von Météo-France rechnet die Antillen mit 2,5 km, zwei Tage weit.
In der Ägäis mit Kreta, an der Algarve, auf den Kanaren und den Azoren rechnet keines dieser Regionalmodelle, dort bleiben die globalen. Sailseer lässt ein Regionalmodell nur dort und so lange mitzählen, wie es selbst rechnet, und füllt seine Lücken nicht still mit einem anderen Modell auf.
Was eine Zahl aus dem Modell bedeutet
Ein Modell rechnet auf einem Gitter. Der Wind einer Zelle ist ein Mittel über ihre ganze Fläche, bei 25 km Gitterweite also über ein Gebiet, in dem kleine Inseln, Kaps und Buchten verschwinden. Gemeint ist der mittlere Wind in 10 m Höhe, nicht die Böe, die dein Rigg trifft. An einer Steilküste, in einer Düse zwischen zwei Inseln oder im Lee eines Berges weicht der echte Wind deshalb oft deutlich ab, nach oben wie nach unten. Ein feineres Gitter kommt solchen Effekten näher, ganz erfasst es sie nie.
Böen
Die Böe ist eine eigene Größe, die das Modell aus Wind, Schichtung und Turbulenz ableitet. Für das Reffen zählt sie mehr als der Mittelwind. Sailseer zeigt sie neben jedem Wind und rechnet in der Bewertung mit dem oberen Ende der Modellböen. Mehr dazu im Ratgeber Böen und Gewitter.
Ensembles: wie sicher ist die Vorhersage?
Ein Ensemble rechnet dasselbe Modell viele Male mit leicht veränderten Startwerten. Liegen die Läufe eng beieinander, ist die Lage stabil; laufen sie auseinander, ist sie unsicher. Sailseer nutzt die 51 Läufe des ECMWF-Ensembles und die 20 von ICON-D2 und zeigt daraus eine Spanne und die Wahrscheinlichkeit für Böen über 20, 25 und 30 kn.
Warum ein Konsens mehr sagt als ein Modell
Wer nur ein Modell anschaut, sieht nicht, ob es gerade allein steht. Sailseer liest deshalb neun Modelle je Wegpunkt zur voraussichtlichen Ankunftszeit und bildet je Stunde den Median, den ein einzelner Ausreißer kaum verschiebt. Als einig gelten die Modelle, wenn sie beim Wind bis auf Ausreißer höchstens 5 kn auseinanderliegen und bei der Richtung im Mittel weniger als 45 Grad. Sind sie es nicht, wird die Stunde als unsicher markiert, und die Empfehlung rechnet mit dem oberen Ende statt mit dem Median. Die einzelnen Modelle bleiben in der Tabelle „Wer sagt was“ sichtbar.
Wenn die Modelle sich nicht einig sind
Uneinigkeit ist selbst eine Information: Die Lage ist schwer zu rechnen, oft wegen eines Tiefs mit offener Zugbahn oder einer Front, deren Zeitpunkt schwankt. Dann hilft:
- mit dem stärkeren Szenario planen, nicht mit dem Mittel,
- den nächsten Lauf abwarten und schauen, wohin die Modelle wandern,
- einen Ausweichhafen auf der Strecke kennen,
- den amtlichen Seewetterbericht lesen, in dem Meteorologen die Modelle bereits gewichtet haben.
Das beste Modell aus der Messung
Welches Modell zuletzt richtig lag, lässt sich messen. Sailseer vergleicht die Vorhersage vom Vortag mit den Messungen der nächsten Stationen über bis zu 72 Stunden und ordnet die Modelle nach ihrer mittleren Abweichung. Das zuletzt beste bekommt in der Modelltabelle eine Marke, und die Zeile „Bestes Modell“ nimmt je Stunde das bestplatzierte, das zu dieser Stunde noch rechnet. Wind- und Segelwind-Alarm können wahlweise darauf statt auf dem Konsens beruhen. Die Grenze gehört dazu: Zwei Stationen sind kein Revier, und drei Tage sind nur eine Wetterlage. Dreht die Lage, kann ein anderes Modell vorn liegen. Tippe auf der Karte einen Punkt an, unter „Gemessen jetzt“ steht der Vergleich.
Amtlich geht vor
Modelle sind Rohstoff. Der Seewetterbericht und die Warnungen der Wetterdienste sind die amtliche Grundlage, und sie gehen jeder App vor, auch Sailseer.
Häufige Fragen
Ist ECMWF besser als GFS?
Über viele Tage gemittelt schneidet ECMWF in Vergleichen meist besser ab, aber nicht an jedem Tag und an jedem Ort. Im Revier entscheidet die Lage, deshalb lohnt der Blick auf beide, auf ein Regionalmodell und auf die Messungen.
Was ist AIFS?
AIFS ist das KI-Modell des ECMWF. Es rechnet aus gelernten Zusammenhängen statt aus den physikalischen Gleichungen und ist dadurch sehr schnell. Böen gibt es nicht aus, Sailseer nimmt es deshalb nur für Wind und Richtung in den Konsens.
Warum zeigt mein Windmesser mehr Wind als die Vorhersage?
Die Vorhersage ist ein Mittel über eine Gitterzelle in 10 m Höhe. Der Windmesser im Masttopp sitzt höher, misst Böen mit, und am Wind addiert sich die Fahrt des Boots zum scheinbaren Wind. Vergleiche deshalb den wahren Wind mit dem Mittelwind und die Spitzen mit der Böe.
Wie weit kann ich einer Vorhersage trauen?
Die ersten zwei bis drei Tage sind meist belastbar, danach wächst die Unsicherheit. Der 10-Tage-Ausblick in Sailseer nennt eine Sicherheit aus dem Ensemble und zeigt ab dem sechsten Tag nur noch eine Tendenz.