Sailseer

Tide und Tidenstrom in der Törnplanung: Hochwasser, Strom und Tidenfenster

Stand 07.10.2026 · Lesezeit 4 min

Törn planen

Kurz gesagt: In Nordsee, Ärmelkanal und Atlantik bestimmt die Tide, wann du wo genug Wasser hast und ob der Strom dich schiebt oder bremst. So planst du damit.

Hoch- und Niedrigwasser

In der Nordsee, im Ärmelkanal und an der Atlantikküste steigt und fällt das Wasser zweimal am Tag. Von einem Hochwasser (HW) zum nächsten vergehen rund 12 Stunden und 25 Minuten, deshalb kommen HW und Niedrigwasser (NW) jeden Tag knapp eine Stunde später. Der Unterschied zwischen HW und NW ist der Tidenhub: in Cuxhaven rund 3 m, in der Ostsee praktisch nichts, im Mittelmeer meist kaum, in der nördlichen Adria (Triest im Mittel gut 0,6 m) und im Golf von Gabès spürbar mehr. In der Karibik ist die Tide klein und oft nur einmal am Tag.

Spring und Nipp

Bei Neu- und Vollmond stehen Sonne, Erde und Mond in einer Linie, ihre Gezeitenkräfte addieren sich, der Hub wird groß (Springtide). Bei Halbmond ist er klein (Nipptide). Die Springzeit folgt dem Mond mit etwas Verzug, an der deutschen Nordseeküste rund zwei Tage. Bei Springtide läuft der Strom stärker, das Wasser steigt höher und fällt tiefer.

Seekartennull und Wassertiefe

Die Tiefen in der Seekarte gelten über Seekartennull (SKN). In deutschen Gewässern ist das das niedrigste astronomische Niedrigwasser über 19 Jahre, ein Stand, den die Gezeiten allein selten erreichen. Die Wassertiefe ist Kartentiefe plus Wasserstand über SKN. Ein Hafen mit 1,5 m Kartentiefe ist um Hochwasser oft gut erreichbar, bei Niedrigwasser vielleicht nicht. Rechne mit Reserve unter dem Kiel, vor allem bei Welle.

Windstau

Wind verschiebt Wasser. Starker auflandiger Wind drückt es in der Deutschen Bucht über die Vorausberechnung (Windstau), ablandiger Wind lässt es tiefer fallen, auch unter SKN. Die Gezeitentafel kennt das nicht, die Wasserstandsvorhersage schon. In der Ostsee macht der Wind fast den ganzen Wasserstand.

Tidenstrom

Mit dem Wasserstand wechselt der Strom: er setzt mit der Flut in die eine, mit der Ebbe in die andere Richtung und kentert dazwischen. In Seegatts, Flussmündungen und um Kaps erreicht er mehrere Knoten. Für die Planung heißt das:

Gegenan hängt viel davon ab, wann du auf die Kreuz gehst; mehr dazu im Ratgeber Kreuzschläge planen.

Tidenfenster im Wattenmeer

Im Wattenmeer kommst du oft nur zu bestimmten Zeiten über die Barre eines Seegatts, durch einen Priel oder in einen Sielhafen, der bei Niedrigwasser trockenfällt. Entscheidend ist die flachste Stelle auf dem Weg: Kartentiefe plus Wasserstand muss für deinen Tiefgang mit Reserve reichen. Daraus ergibt sich ein Zeitfenster um Hochwasser. Wer es verpasst, wartet auf die nächste Tide, also rund zwölf Stunden. Wattfahrwasser verlagern sich, Tonnen werden verlegt; nimm die aktuelle Seekarte und die Bekanntmachungen mit. Manche Hafenschleusen an Tidenküsten öffnen ebenfalls nur um Hochwasser, siehe Brücken und Schleusen.

Was Sailseer rechnet

Probier es auf der Karte mit einer Strecke durchs Wattenmeer, etwa nach Norderney.

Grenzen

Das SKN schätzt Sailseer aus rund elf Tagen Modellreihe. Die Schätzung liegt eher über dem amtlichen Wert, die gerechnete Tiefe fällt also eher zu klein aus. Die Tiefen der Barren kommen aus einem Raster von rund 115 m (EMODnet), das ein betonntes Priel nicht auflöst: „zu flach“ ist deshalb ein deutlicher Abzug in der Bewertung, keine Sperre. In engen Seegatts ist der Modellstrom glatter als in der Natur. In den Fjorden Grönlands, Islands und Spitzbergens, die das Modell nicht auflöst, nimmt Sailseer den nächsten Wasserpunkt bis 50 km und nennt seinen Abstand: Hoch- und Niedrigwasser können am Hafen früher oder später eintreten.

Für die Navigation gelten amtliche Gezeitentafel, Seekarte und Bekanntmachungen für Seefahrer, nicht Sailseer.

Häufige Fragen

Wie lange dauert eine Tide?

Bei halbtägiger Tide wie in der Nordsee rund 12 Stunden und 25 Minuten von Hochwasser zu Hochwasser. Hoch- und Niedrigwasser verschieben sich deshalb jeden Tag um knapp eine Stunde.

Was ist Seekartennull?

Der Bezugswasserstand der Tiefen in der Seekarte, in deutschen Gewässern das niedrigste astronomische Niedrigwasser über 19 Jahre. Die Wassertiefe ist Kartentiefe plus Wasserstand über Seekartennull; bei ablandigem Wind kann das Wasser auch darunter fallen.

Was ist Windstau?

Der Teil des Wasserstands, den der Wind macht. Auflandiger Sturm drückt das Wasser über die astronomische Vorausberechnung, ablandiger lässt es tiefer fallen. Sailseer zeigt an den BSH-Pegeln der Nordsee beides.

Warum ist Wind gegen Strom gefährlich?

Läuft der Strom gegen den Wind, wird die See kurz und steil, auch bei mäßigem Wind. In Seegatts und engen Durchfahrten kann sie brechen. Sailseer meldet Wind gegen Strom ab 0,8 kn Strom und 12 kn Wind, die mehr als 120 Grad gegeneinander stehen.

Ersetzt Sailseer die Gezeitentafel?

Nein. Die Gezeiten kommen aus Pegeln und Ozeanmodellen, das Seekartennull ist geschätzt. Für die Navigation gelten amtliche Gezeitentafel, Seekarte und Bekanntmachungen.

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